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Dienstag, 17. Oktober 2017

Eine Art Stockholmsyndrom

Ansgar Mayers Nemesis war ich nie. Zwar hielt er mich für einen Nazi, weil ich das Projekt #EBKHACK nicht so richtig toll fand, aber ich glaube, das haben wir geklärt. Nach dieser Auseinandersetzung folgte er mir sogar zeitweilig auf Twitter, und ich ihm auch - bis zu dieser Geschichte mit dem sächsischen Wahlergebnis und dem tschechischen Atommüll. Sogar da hatte ich noch, bevor die Sache richtig hochkochte, versucht, ihm nahezulegen, er solle seine Äußerung noch einmal überdenken. Er reagierte trotzig, und ein paar Stunden später brach dann der Shitstorm aus. Tja. 

Zu seiner "tollen" Idee mit dem Flüchtlingsboot als Fronleichnamsaltar habe ich mich nie geäußert, und zu der #gutmensch-Graffiti-Kampagne auch höchstens privat. Schaut man sich allerdings die Reaktionen an, die diese und andere von Ansgar Mayer verantworteten PR-Aktionen des Erzbistums Köln bei Anderen hervorgerufen haben, dann wird man wohl sagen können, dass der scheidende Kommunikationsdirektor erheblich dazu beigetragen hat, Kardinal Woelki zu einer Hassfigur bei konservativen Katholiken zu machen. (Bei mir übrigens nicht. Ich schätze Kardinal Woelki nach wie vor, auch wenn ich mir bei manchem, was er sagt und tut, an den Kopf fasse.) 

Angesichts des Schadens, den Ansgar Mayer dem Erzbistum Köln insgesamt und der Person des Erzbischofs im Besonderen mit seiner Tätigkeit als Kommunikationsdirektor zugefügt hat, muss man sich schon sehr wundern, wie entschieden Kardinal Woelki - wenn man einem Bericht des Kölner Stadtanzeigers Glauben schenken darf - bis zuletzt an seinem Mitarbeiter festgehalten hat. "Dem Vernehmen nach", so heißt es da, sei der Erzbischof nach der Affäre um Mayers "Atommüll"-Tweet "entschlossen" gewesen, "seinem obersten Öffentlichkeitsarbeiter die Stange zu halten". "'Das stehen wir gemeinsam durch', soll Woelki zur Kritik gesagt haben." -- Nun gut, zum Teil kann ich nachvollziehen, was für Solidarisierungseffekte da am Werk waren. Unter den negativen Reaktionen, die Kardinal Woelki für diverse Aspekte seiner öffentlichen Selbstdarstellung - etwa die Videoreihe "Wort des Bischofs" - geerntet hat, waren allerlei grobe Beschimpfungen, insbesondere von Leuten, denen erkennbar weniger der Verkündigungsauftrag der Kirche am Herzen lag, sondern die schlichtweg keine Flüchtlinge, keine Muslime oder ganz allgemein keine "Fremden" mögen. Wenn man ständig aus so einer Ecke angepöbelt wird, und dann kriegt der Kommunikationsdirektor Dampf dafür, dass er sich mit der AfD und deren Wählern angelegt hat, dann ist es emotional naheliegend, erst mal zu sagen: Komm, Ansgar, von den Rechten lassen wir uns doch nicht kleinkriegen, das wäre ja noch schöner. 

Das Problem. das hier lauert, ist jedoch - wie man ja z.B. auch an der Unterstellung sieht, wer den #EBKHACK nicht für die beste Idee seit geschnitten Brot hielt, müsse ja wohl ein Nazi sein - die Versuchung, aufgrund solcher Erfahrungen jede Kritik als "rechts" einzuordnen und damit zu delegitimieren. Das ist zur Zeit übrigens gerade in innerkirchlichen Debatten sehr en vogue, ob bei häretisch.de oder bei La Civiltà Cattolica

Nun hat Ansgar Mayer seinen Posten beim Erzbistum aber doch aufgegeben - aus eigenem Entschluss, wie es heißt. Er wolle sich "auf neue Aufgaben in Hamburg konzentrieren". Und verabschiedet wird er mit viel Lob. Im weltlichen Bereich mag das so üblich sein; und noch ehe ich ein "aber" in die Tastatur gehämmert habe, fällt mir auf, dass genau das das Problem ist, das ich mit den Abschiedsworten des Generalvikars Meiering für seinen scheidenden Mitarbeiter habe: Sie sind durch und durch weltlich. "Es tut uns leid, dass Dr. Mayer uns verlässt", heißt es in der Pressemitteilung. "Mit ihm ist es uns gelungen, [...] eine Unternehmenskommunikation auf der Höhe der Zeit aufzubauen". Hört, hört: Unternehmens[!]kommunikation. Höhe der Zeit. Ich sag einfach mal: Identität-Relevanz-Dilemma. Wer öfter liest, was ich so schreibe - sei es hier oder in anderen Publikationen -, wird wissen, was ich meine. (Und wer es nicht weiß, muss abwarten, bis mein Buch zu diesem Thema erscheint. Aber pssst.) Jedenfalls scheint mir die zitierte Einlassung einen Eindruck zu bestätigen, den ich schon öfter hatte: dass Leute wie Ansgar Mayer nicht das eigentliche Problem sind - sondern nur ein Symptom dafür, dass die Entscheidungsträger in den deutschen Bistümern ganz allgemein sehr fragwürdige Prioritäten setzen. 

Illustration:(c) Peter Esser 

Ansgar Mayer selbst wünsche ich für die Zukunft nur Gutes. Ich hoffe, er findet (oder hat bereits?) in Hamburg eine berufliche Perspektive, die seinen Qualifikationen, seinen Fähigkeiten und Neigungen entspricht. Und die möglichst wenig mit der Kirche zu tun hat. 



Sonntag, 1. Oktober 2017

Zu Gast in Deinem Zelt II: Man müsste Gitarre spielen können

Mir kommt es zwar so vor, als wären die Sommerferien gerade erst vorbei, aber andernorts bereitet man sich schon wieder auf die nächsten vor. So zum Beispiel - aus nachvollziehbaren Gründen - bei "Willi's, der Urlauberkirche in Butjadingen". Im diesjährigen Sommerurlaub haben meine Liebste und ich es, wie berichtet, nicht geschafft, von den Aktivitäten dieses Urlauberseelsorgeprojekts mehr zu Gesicht zu bekommen als ein verschlossenes Zelt. Aber jetzt sucht "Willi's" Mitarbeiter für die Urlaubssaison 2018, und noch ehe ich die PDF-Datei mit der Stellenausschreibung geöffnet hatte, warf meine Liebste ein: "Vielleicht sollten wir uns da bewerben." 

Sie meinte das ernst, und auch ich fand den Gedanken durchaus nicht uninteressant. Gesucht werden mehrere Teams, die im Zeitraum vom 30. Juni bis 25. August jeweils einen 14-tägigen Einsatz übernehmen. Mal rechnen: Da wird das Baby so acht bis zehn Monate alt sein. Was machen Kinder in dem Alter so? Einschlägige Ratgeber sagen: krabbeln und brabbeln, mit Bauklötzen spielen, aber selbstständig laufen wahrscheinlich noch nicht. Na, dann wär's ja ungefährlich. Okay, vielleicht ist unser Kind auch motorisch hochbegabt, aber wenn ja, dann hat es das nicht von mir


Also, ganz ohne Flachs: Mit Frau und Kind im Sommer zwei Wochen in Butjadingen am Strand verbringen und Urlauberseelsorge machen, das könnte ich mir tatsächlich ganz gut vorstellen. Zumal die Oma - also meine Mutter - auch ganz in der Nähe wäre; kinderbetreuungstechnisch eigentlich eine Win-Win-Situation. Also schaute ich mir die Ausschreibung mal etwas genauer an. Gemeinsam mit meiner Liebsten, versteht sich. 

"[I]n der Sommersaison 2018", heißt es da, solle "zum 2. Mal ein ökumenisches Kirchenzelt am Burhaver Strand aufgebaut werden. Dieses steht so zentral, dass Camping- & Strandgäste, aber auch Gäste der umliegenden Orte die Angebote des Kirchenzeltes nutzen können." -- Interessant. Das muss dann wohl ein anderer Stellplatz sein als im vergangenen Sommer, denn den würde ich nicht direkt als "zentral" bezeichnet haben, sondern eher als "in the middle of nowhere". Was natürlich insbesondere dann ein Problem darstellt, wenn man zudem noch - wie bereits geschildert - so gut wie keine Werbung für das Angebot macht, jedenfalls keine, mit der man irgend jemanden erreicht, der nicht aktiv nach einem Urlauberseelsorge-Angebot sucht. Na, ich will mich nicht über Gebühr wiederholen, auch wenn ich mich - wie man wohl merkt - immer noch aufregen könnt'. Lieber mal weiter im Text: 

"Im Kommunikationszentrum 'OASE' oder am Strand in Tossens sollen 2018 wieder Angebote gemacht werden." Na, das will ich doch wohl hoffen, sonst hätte man sich die pompöse Wiedereröffnung der OASE auch gleich sparen können. Zumal ich, auch wenn ich noch nicht drin war, den Eindruck habe, dass das Haus beträchtliches Potential hat, das nur darauf wartet, genutzt zu werden. 

"Für diese Urlauberkirche suchen wir (studentische) Teams – bestehend aus zwei bis drei Personen m/w." Okay, "studentische" steht in Klammern, dann gehe ich mal davon aus, dass das nicht unbedingt zwingend ist. Und immerhin waren meine Frau und ich zumindest mal Studenten. Dass die Ausschreibung sich besonders an diese wendet, dürfte u.a. mit der verbreiteten Auffassung zu tun haben, Studenten hätten einerseits "Zeit für sowas" und bräuchten andererseits das Geld. Womit wir dann auch gleich bei den "Eckdaten" wären: 
  • Ein Team (2-3 Personen m/w) ist 14 Tage bei uns zu Gast und arbeitet in der Urlauberkirche mit 
  • Jede Person bekommt 300 € Aufwandsentschädigung, sowie 50 € Taschengeld als Fahrtkostenzuschuss 
  • Eine Unterkunft wird durch die Gemeinde nach Absprache in Burhave und/oder in Tossens gestellt (Rat-Schinke-Haus, OASE oder Wohnwagen) 
  • Die Teams versorgen sich vor Ort selbst 

...und haben dafür wohlgemerkt 300 € pro Person zur Verfügung, vorausgesetzt, die 50 € für die Fahrtkosten haben ausgereicht. Bei einem 14-tägigen Einsatz macht das also ein Budget von knapp 21,50 € pro Tag und Person. Bei freier Unterkunft halbwegs vertretbar, und ein bisschen Askese darf man den Interessenten ja wohl zumuten. Dann kommen wir mal zum Inhaltlichen. 

Folgende Struktur ist hier vor Ort geplant: 
  • Programmangebote in Burhave in enger Kooperation mit „Kirche unterwegs“, sowie in Tossens für Kinder, Jugendliche, Familien und Erwachsene entwickeln, vorbereiten und durchführen 
  • Programm ist Mo-Fr 10.30 Uhr und abends um als 19-Uhr-Gute-Nacht-Geschichte 
  • Vorbereitung und Durchführung von Grillabenden  
  • Mitwirkung bei der Weiterentwicklung von „Willi’s – Die Urlauberkirche in Butjadingen“ ggf. auch nach der Saison 
Ich muss sagen, insbesondere der erste und der letzte Punkt erscheinen mir durchaus interessant. Also, dass man nicht nur für die Durchführung, sondern auch für die Entwicklung von Programmangeboten zuständig sein und sich auch bei der Weiterentwicklung des Urlauberkirche-Konzepts einbringen darf und soll. 

Der Haken an der Sache versteckt sich in den Punkten dazwischen. Zunächst mal: Zweimal am Tag "Programm", einmal vormittags und einmal abends - und was macht man den ganzen Rest des Tages, mit den knapp 21,50 €, die einem zur Verfügung stehen? -- Scherz beiseite: Wie letztens schon angemerkt, scheint es mir recht unbefriedigend, wenn das Zelt den Großteil des Tages über leer steht; zwar kann man kaum erwarten, dass den ganzen Tag über irgendwie "Programm" stattfindet, aber das muss es ja auch gar nicht. Im Gegenteil, die Fokussierung auf "Programm" scheint mir ein grundlegender Webfehler des ganzen Konzepts zu sein. Ich jedenfalls stelle mir unter Urlauberseelsorge nicht unbedingt und nicht in erster Linie Bespaßung vor. Viel wichtiger fände ich es, dass einfach jemand da ist, präsent, ansprechbar. So ein Zelt könnte sich ja auch gerade als ein Ort der Stille und des Rückzugs im Urlaubstrubel anbieten. 

Dass gerade Grillpartys einen offenbar so zentralen Bestandteil des Konzepts darstellen, erscheint mir in diesem Zusammenhang ebenfalls recht bezeichnend. Aber da diese vermutlich nicht vom Selbstversorgungs-Budget bestritten werden müssen, hat das für die "Teamer" natürlich unbestreitbare Vorteile. 

(Über den Satzbau-Holperer in der Passage mit der Gute-Nacht-Geschichte möchte ich übrigens milde hinwegsehen. Der Satz ist vermutlich mehrfach umformuliert worden, und am Ende standen dann ein paar Partikel da, wo sie nicht hingehören. Sowas kommt vor.) 

Bleiben noch die "Voraussetzungen für eine Mitarbeit" zu betrachten: 
  • Teilnahme an einem Präventionskurs zur Kindeswohlgefährung, der durch das Bistum Münster anerkannt ist 
  • Abgabe eines erweiterten Führungszeugnisses 
  • Interesse an der Arbeit mit Kindern, Jugendlichen, Familien und Erwachsenen 
  • Erfahrungen in der katholischen / evangelischen Kinder- & Jugendarbeit 
  • Lust und Laune mit den Urlaubern Zeit zu gestalten und zu teilen
Gegen so einen Präventionskurs hätte sie nichts, meinte meine Liebste; na gut, sie ist Lehrerin, da hat man Erfahrung mit dergleichen. Auf mich hingegen wirken solche Fortbildungen ungefähr so attraktiv wie ein Zahnarzttermin, aber okay, allein daran würde ich's nicht scheitern lassen wollen. Problematischer ist der Punkt "Erfahrungen in der katholischen / evangelischen Kinder- & Jugendarbeit", denn das dürfte sich, wenn mich mein Eindruck nicht ganz stark trügt, auf die Arbeit in einschlägigen Verbänden beziehen. Und damit können wir nicht nur nicht dienen, sondern es sieht mir auch nach einem klaren Signal aus, dass kein Interesse daran besteht, mit Leuten zusammenzuarbeiten, die in der Lage wären, außerhalb der Box zu denken. Was natürlich auch das Potential der oben angesprochenen "Weiterentwicklung" erheblich einschränkt. Bemerkenswert ist auch, was im Anforderungsprofil nicht vorkommt: nämlich irgendwas mit Glauben oder so

"Ich schätze, wir werden unser eigenes Zelt aufstellen müssen", resümierte ich. Meine Liebste war nicht abgeneigt. "Wir könnten da zum Beispiel das Stundenbuch beten", regte sie an. "Wenn jemand kommt und mitbeten will, schön; und wenn nicht, dann machen wir das eben alleine. Und ansonsten sind wir einfach da, als Kontaktangebot, und schauen, was passiert." 

Mal sehen: Viellicht machen wir das wirklich. Hängt natürlich unter anderem auch davon ab, wie sich das Leben mit Kind bis dahin so entwickelt, aber was das angeht, sind wir beide recht optimistisch. Ein Problem sehe ich an ganz anderer Stelle: Uns fehlt jemand, der Gitarre spielen kann. So eine Gitarre ist nicht einfach nur ein Musik-, sondern auch und nicht zuletzt ein Pastoralinstrument. Mit einer Gitarre findet man immer ein Publikum. Wenn irgendwo, wo viele Leute sind, jemand eine Gitarre auspackt und anfängt zu spielen, dann hören ihm Leute zu, ganz egal, was er spielt. So gesehen wäre es eigentlich perspektivisch - und auch unabhängig von dem konkreten Urlauberseelsorge-Projekt - eine feine Sache, Gitarre spielen zu können. Aber ob ich das in meinem Alter und mit meinen dicken Fingern (und dass ich motorisch nicht gerade hochbegabt bin, habe ich ja auch schon angedeutet) noch lerne? 

Vielleicht wäre es doch die einfachere Lösung, sich einen Mitstreiter zu suchen, der das schon kann



Samstag, 30. September 2017

Wenn das Brot, das wir teilen... oder: Voll Stulle

Morgen ist Erntedank, und vierzehn Tage später ist der Gedenktag der Hl. Hedwig, einer der Berliner Bistumsheiligen und Patronin der Berliner Kathedrale. Hedwig von Andechs wurde schon knapp 24 Jahre nach ihrem Tod heiliggesprochen, und das ist heuer 750 Jahre her; ein Grund für das Erzbistum Berlin, ihren Gedenktag in diesem Jahr besonders zu feiern, und wenn man das aus saisonalen Gründen irgendwie auch noch mit dem Erntedankfest verknüpft kriegt, tant mieux

Soviel zu den Hintergründen der Aktion "Teilen macht glücklich", die das Erzbistum Berlin vor rund zwei Wochen per Pressemitteilung ankündigte und die morgen startet. "Eine Kampagne gemeinsam mit der Bäcker-Innung von Erntedank bis Hl. Hedwig", lautete die Titel-Unterzeile des Pressetexts, und schon an dieser Stelle schweifte ich gedanklich ein bisschen ab. Man mag es naiv-optimistisch von mir finden oder als déformation professionelle belächeln, aber angesichts einer Kooperation zwischen dem Erzbistum und der Bäckerinnung, noch dazu einer, die unter dem Motto "Teilen macht glücklich" steht, dachte ich spontan an so etwas wie Foodsharing bzw. Foodsaving. Meine praktischen Erfahrungen in diesem Bereich sind zwar insofern noch vergleichsweise überschaubar, als ich bislang erst an drei Foodsaving-Aktionen eigenhändig beteiligt war, aber in zweien dieser drei Fälle handelte es sich bei den "geretteten" Lebensmitteln um die Überreste der Tagesproduktion einer Bäckerei, und was ich da abgriff, war fast mehr als ich tragen konnte. Aufgrund dieser Erfahrung glaube ich ermessen zu können, dass es in Berlin gerade im Bäckereigewerbe eine enorme Überproduktion gibt - und dass folglich Tag für Tag beträchtliche Mengen an Backwaren, wenn sich nicht Initiativen wie eben Foodsharing um die Abholung und Weiterverteilung kümmern, aller Wahrscheinlichkeit nach im Müll landen. Das, so finde ich, wäre doch ein dankbares Betätigungsfeld für engagierte Christen. Zumal es ja auch allerlei kirchliche Einrichtungen gibt, die z.B. Suppenküchen für Obdachlose und andere Bedürftige betreiben. Die hätten sicherlich Verwendung für Brote und Brötchen, die nicht mehr frisch genug für den Verkauf, aber ansonsten noch total okay sind. 



Kurz, ich malte mir aus, eine gemeinsame Aktion von Erzbistum und Bäckerinnung hätte irgendwas damit zu tun, die Backwaren-Überproduktion für wohltätige Zwecke zu nutzen. Aber ach, die Realität ist viel banaler. 
"In mehr als 50 Bäckerei-Filialen in Berlin werden vom Erntedankfest bis zum Namenstag der Patronin der Berliner Bischofskirche 'Hedwigs-Brötchen' verkauft", 
verrät die Pressemitteilung. Ach je. Also nur schnödes Merchandising. Oder? 
"Die süßen doppelten Brötchen sind nach der Heiligen benannt, die sich um die Armen und Kranken und bei Hungersnöten um eine gerechte Verteilung von Lebensmitteln kümmerte. Sie hat aus der Geste des Teilens eine Lebensphilosophie gemacht." 
Gerechte Verteilung von Lebensmitteln ist ja, siehe oben, eigentlich ein interessantes Stichwort. Der Satz mit der Lebensphilosophie ist hingegen schlicht Bullshit, vermittelt aber einen Eindruck davon, wie man auf die abgefahrene Idee kommen kann, die Heilige durch ein nach ihr benanntes Brötchen zu ehren statt dadurch, ihrem Vorbild nachzueifern. 
"Aufsteller und Brötchentüten werben in den Bäckerei-Filialen für die Aktion: 'Teilt es, damit es Euch noch besser schmeckt!'" 
Och, Leute. 

Im exakt selben Zeitraum läuft übrigens eine fast identische Aktion in Niedersachsen. Die heißt "Backen für Gerechtigkeit", und auch dort sind "über 50 Innungsbäcker" beteiligt, die jedoch keine "Hedwigsbrötchen" backen, sondern "Reformationsbrötchen". Am Aufback... äh: -takt der Aktion nahm neben Landesinnungsmeister Dieter Baalk, dem evangelischen Landesbischof Ralf Meister, dem katholischen Domkapitular Propst Martin Tenge vom Bistum Hildesheim und Hannovers Bürgermeister Thomas Hermann auch "die frühere First Lady und jetzige Reformationsbotschafterin Bettina Wulff" teil. Momentchen, mag man sich jetzt fragen wieso backt ein katholischer Domkapitular Reformationsbrötchen? -- Weil, man höre und staune, die Aktion ökumenisch ist. Je verkauftem Brötchen werden 20 Cent an Brot für die Welt und das bischöfliche Hilfswerk Misereor gespendet. 

Was nun auch wiederum eine Frage aufwirft, nämlich, welchem guten Zweck eigentlich die Berliner "Hedwigsbrötchen"-Aktion zugute kommt. 

*... Grillenzirpen im Hintergrund...* 

Wie jetzt -- überhaupt keinem? 
Nee, anscheinend nicht, denn sonst würde das ja wohl an hinreichend auffälliger Stelle in der Pressemitteilung stehen. Die Frage, die dieser Umstand nun wiederum aufwirft, lautet: "UND WAS SOLL DER GANZE QUATSCH DANN?" Und es drängt sich leider der Verdacht auf, dass genau diese Frage im Planungsprozess der Aktion von niemandem gestellt wurde. 

Das Prinzip "Merchandising für einen guten Zweck", wie es in Niedersachsen mit den "Reformationsbrötchen" betrieben wird, finde ich nicht unbedingt besonders innovativ, aber immerhin noch überzeugender als "Merchandising OHNE guten Zweck". Das sollte die Kirche doch bitte Adidas oder Apple oder sonstwem überlassen. Die können das auch besser. 

Wenn das Erzbistum Berlin nun aber zu Marketingzwecken partout dazu beitragen muss, die Überproduktion von Backwaren noch weiter zu verstärken, bleibt zu hoffen, dass die daran beteiligten 50 Bäckereifilialen wenigstens mit dem Foodsharing-Netzwerk kooperieren. Damit die Brötchen, wenn sie nicht verkauft werden, wenigstens nicht im Müll landen. 


Hier geht's übrigens zu einem Spendenaufruf von foodsharing e.V. -- falls Ihr zum Erntedankfest etwas wirklich Sinnvolles mit Eurem Geld anfangen wollt... 


Mittwoch, 27. September 2017

Ist Bloggen "relevant"?

Zu diesem Thema wollte ich schon länger - das heißt, seit ungefähr zwei Monaten - mal etwas schreiben; aber heute ist der 6. Jahrestag der Eröffnung meines Blogs, da wird also ein Jubiläumsartikel fällig, und mir scheint, dafür eignet sich dieses Thema ziemlich gut. 

Wider die Versuchung des Hochmuts. 
Während ich mit meiner Liebsten in Lourdes war, wurde ich auf Umwegen auf einen Artikel auf katholisch.de aufmerksam, in dem es um "theologisches Feuilleton im Internet" ging. Nanu, dachte ich: katholisch.de schreibt über Blogs? Und das auch noch mit unverkennbarem Wohlwollen? Normalerweise betrachtet die Redaktion von katholisch.de die katholische Bloggerszene doch - aus Gründen - als ihren natürlichen Feind und spricht ihr gern mal die "publizistische Relevanz" ab. Okay, in dem besagten Artikel geht es nicht einfach um irgendwelche Blogs, sondern wie gesagt um theologisches Feuilleton im Internet. Also nicht um dahergelaufene Feld-, Wald- und Wiesenkatholiken, die ihre persönlichen Herzensergießungen über Gott und die Welt, die Kirche und den ganzen Rest in die virtuelle Öffentlichkeit hinausposaunen und sich dabei zuweilen sogar erdreisten, eine Meinung darüber zu haben, was die publizistischen Berufskatholiken so alles treiben; sondern um gepflegte Publikationen studierter Leute, die auf der Höhe des akademischen Diskurses stehen. Das ist natürlich etwas völlig Anderes. (Das ist es tatsächlich, das meine nicht nicht [nur] ironisch.) 

Der von Felix Neumann gezeichnete Artikel stellt exemplarisch drei theologisch-feuilletonistische Blogs vor: Feinschwarz, Dei Verbum und y-nachten. Mit Feinschwarz habe ich mich hier schon ein paarmal auseinandergesetzt, mit y-nachten immerhin einmal; mit Dei Verbum hingegen noch nicht, was zum Teil dadurch bedingt ist, dass ich es trotz mehrerer Anläufe bisher nicht geschafft habe, auch nur einen auf dieser Seite erschienenen Artikel zu Ende zu lesen. Weil mich die Schreibe der beiden dort publizierenden Autoren einfach zu sehr nervt. Aber darum soll es hier nicht gehen, jedenfalls nicht primär. Begnügen wir uns damit, festzuhalten, dass, während Feinschwarz sich (meinem zweifellos unvollständigen Eindruck zufolge) hauptsächlich mit Pastoraltheologie befasst (und in diesem Bereich gern diverse Ansätze dazu diskutiert, die Kirche grundlegend "neu zu erfinden"), Dei Verbum und y-nachten eher darauf ausgerichtet scheinen, die Lehre der Kirche zu dekonstruieren: erstere v.a. durch eine entschlossen gegen den Strich der Lehrtradition bürstende Lesart der Bibel, letztere hingegen mittels Gender, Intersektionalität und sonstigem Hipstergequatsche. Dass y-nachten in einem Atemzug mit den beiden anderen Blogs genannt wird, erscheint schon in Hinblick auf das intellektuelle Niveau etwas befremdlich, aber auch damit will ich mich hier nicht groß aufhalten.

Was ich an dem katholisch.de-Artikel wirklich interessant fand, war der Umstand, dass bei y-nachten und Dei Verbum - bei Feinschwarz hingegen nicht - auch konkrete Angaben zur Reichweite gemacht wurden. Und da stellte ich - staunend, da ich es auch nach sechs Jahren immer noch gewohnt bin, mich als ein eher kleines Licht der katholischen Bloggerszene einzuschätzen - fest: Ich hab' mehr. Oder zumindest nicht weniger. "Gut 9000 Leser finden die Texte mittlerweile pro Monat", wird mit Bezug auf Dei Verbum verraten; weniger als das hatte ich zuletzt im August 2016, als ich auf dem Jakobsweg war und deshalb keine neuen Beiträge erschienen. Und über y-nachten heißt es: "Um die tausendmal wird ein erfolgreicher Artikel gelesen". Ein erfolgreicher. Nach diesem Maßstab hatte ich im laufenden Jahr bislang 24 "erfolgreiche Artikel", darunter einige, die weit über 1000 Aufrufen liegen. Ich erwähne das nicht aus Gründen der Selbstbeweihräucherung, auch wenn das aussehen mag; im Gegenteil möchte ich damit die Frage aufwerfen, ob Reichweite gleichbedeutend mit Relevanz ist oder wie sich beide Größen zueinander verhalten. Immerhin habe ich es mit meiner Reichweite noch nicht zu einem Feature auf katholisch.de gebracht. Und wo wir schon davon reden: Insgesamt habe ich schätzungsweise 5% der Reichweite von katholisch.de. Wenn ich mir vorstelle, ich hätte auch 5% ihres Budgets... Oha. Da würde ich aber noch ganz andere Sachen anstellen.

Wie dem auch sei: Die genannten Zahlen zeigen wohl, dass, wenn Reichweite der einzige Indikator für "Relevanz" wäre, der Gesamtbereich der Internetpräsenzen mit dezidiert katholischen Content - einschließlich katholisch.de selber - vor dem Maßstab einer breiten Öffentlichkeit kaum der Rede wert wäre. Wer "katholisch schreibt", egal in welchem Medium, schreibt für ein Nischenpublikum; darüber sollte man sich keine Illusionen machen. Für die Frage nach der "Relevanz" ist somit eigentlich nur von Interesse, für welche Nische man eigentlich schreibt und inwieweit da die Resonanz den Aufwand rechtfertigt. Und es dürfte auf der Hand liegen, dass Formate wie Feinschwarz, Dei Verbum oder y-nachten eine wesentlich andere Nische ansprechen als Blogs wie zum Beispiel dieser hier. "[D]ie Rückmeldungen von Kommilitonen und Professoren sind positiv", freuen sich beispielsweise die Initiatoren von y-nachten; das sei ihnen gegönnt.

Nun sollte ich mich aber anlässlich meines sechsjährigen Bloggerjubiläums vielleicht mal fragen: Welches ist meine Nische? Der Witz ist ja, dass man sich, wenn man wie ich eher zufällig und aus einer Laune heraus mit dem Bloggen anfängt, diese Frage zunächst einmal überhaupt nicht stellt. Man schreibt einfach das, wonach einem der Sinn steht, und wenn Leute das lesen und es vielleicht sogar gut finden: bestens. Wenn nicht, ist das zwar ein bisschen schade, aber in erster Linie schreibt der Privatblogger ja nicht für die Leser, sondern zu seinem eigenen Spaß. Wenn man das eine Weile gemacht hat, stellt man allerdings irgendwann fest, dass positive Leserresonanz durchaus etwas ist, was zum "eigenen Spaß" beiträgt; beziehungsweise, dass das Ausbleiben positiver Leserresonanz einem den Spaß auch verderben kann. Noch entscheidender ist aber: Schreibt man über Dinge, die einem wichtig sind, dann hofft man natürlich, dass es "irgendwo da draußen" Leute gibt, denen diese Dinge auch wichtig sind. Und die will man erreichen. -- Was aber sind das für Leute, in meinem Fall? Über die tatsächliche Leserschaft kann man natürlich nur insoweit Aussagen treffen, wie man Feedback von ihr erhält, sei es durch Kommentare im Blog selbst, in den Sozialen Netzwerken oder auf anderen Kanälen. Und da kann ich sagen, die in diesem Sinne "aktive Leserschaft" meines Blogs scheint tatsächlich ungefähr so gestrickt zu sein, wie ich mir die Leute vorstelle, für die ich schreibe. Positives oder wohlwollend-abwägendes Feedback erhalte ich, je nach konkretem Thema, von einem durchaus breit gefächerten Spektrum von Katholiken (von "moderat-konservativ" über "traditionell" - nicht zu verwechseln mit "traditionalistisch"! - bis hin zu "Neocons" und Charismatikern; Traditionalisten im engeren Sinne sind da eher selten, und ausgesprochene Liberale erst recht), zuweilen auch von Evangelikalen und auch von Nichtchristen, die aber "dem Phänomen Religion gegenüber aufgeschlossen" sind; nicht wenige meiner regelmäßigen Leser bloggen selber auch, das muss diese interne Vernetzung sein, von der immer alle reden. Kritisches, entschieden negatives oder grob beleidigendes Feedback gibt es schwerpunktmäßig bei Artikeln mit besonders hohen Zugriffszahlen, was natürlich bedeutet, dass es stark vom jeweiligen Thema abhängt, wer sich da beschwert. Das können liberale Katholiken oder Protestanten sein, Ultra-Tradis, Berliner oder Nordenhamer Lokalpatrioten, professionelle Meckerköppe, Abtreibungsbefürworter oder Neuheiden. Während besonders die beiden letztgenannten Gruppen sich für gewöhnlich nur zu "ihren" Themen äußern, gibt es auch regelmäßige Leser, die in vielen wesentlichen Punkten ganz und gar nicht mit mir übereinstimmen und mir von Zeit zu Zeit mitteilen, dass sie das nach wie vor nicht tun. Dass sie trotzdem regelmäßige Leser sind, finde ich schon auch erfreulich. Von wegen Filterblase und so.

Ich sprach weiter oben von "erfolgreichen Artikeln" ab 1000 Lesern. Auf meinem Blog gibt es auch immer mal wieder "weniger erfolgreiche" Artikel, die vielleicht nur 200-300 Leser finden. Nicht selten sind das ausgerechnet solche Artikel, die mir persönlich wichtiger sind als manche, die in Hinblick auf die Zugriffszahlen so richtig "abgehen". Okay, sage ich mir dann: 200 bis 300 Leute; da hätte ich eine Menge zu tun gehabt, um das, was ich zu diesem Thema zu sagen gehabt habe, einer entsprechenden Anzahl von Leuten im persönlichen Gespräch mitzuteilen. So gesehen schon mal ein Erfolg. Ein noch weit größerer und schönerer Erfolg ist es, wenn - was hin und wieder mal vorkommt - sich Leser persönlich bei mir bedanken, etwa, weil einer meiner Artikel ihnen eine neue Perspektive auf bestimmte Themen eröffnet oder ihnen eine langgehegte Frage überzeugend beantwortet hat, oder einfach nur, weil das, was ich schreibe, sie berührt hat. Diese Art von Feedback ist absolut unbezahlbar und durch keine noch so stolze Zugriffsstatistik aufzuwiegen.

Meine Motivation zum Bloggen ist also auch nach sechs Jahren ungebrochen. Trotzdem, und auch trotz der Tatsache, dass sich die Zugriffszahlen, abgesehen von gewissen saisonalen Schwankungen, über die Jahre insgesamt konstant nach oben bewegt haben, treibt mich in jüngerer Zeit zunehmend die Frage um, wie relevant dieses ganze Geblogge eigentlich ist. Nein, keine Sorge, ich denke überhaupt nicht daran, mit dem Bloggen aufzuhören, und eigentlich noch nicht einmal daran, weniger zu bloggen (wozu es "aus Gründen" eventuell trotzdem kommen wird, aber dazu später). Aber woran ich sehr wohl denke, ist, dass Bloggen alleine nicht genügt. Dass es Anderes und Wichtigeres für mich zu tun gibt, um dem Reich Gottes zu dienen. Beeinflusst sowohl durch Rod Drehers "Benedict Option" als auch durch Schriften von Dorothy Day - was für mein Empfinden hervorragend zusammenpasst, auch wenn man Rod Dreher und Dorothy Day, politisch gedacht, in entgegengesetzten "Lagern" vermuten könnte -, neige ich immer mehr zu der Auffassung, dass lokale Basisarbeit das Gebot der Stunde ist, und wiewohl ich in den letzten Monaten bereits erste Schritte in diese Richtung unternommen habe, sehe ich da noch viel Luft nach oben. Ich bin durchaus der Meinung, dass das Bloggen eine sinnvolle und nützliche "flankierende Maßnahme" zur lokalen Basisarbeit sein kann, aber das würde bzw. wird erfordern, dass sich der inhaltliche Schwerpunkt dieses Blogs tendenziell verschiebt. Gut, das hat sich wohl schon seit einigen Monaten abgezeichnet, wenn auch nicht ganz konsequent. Ich vermute mal, so - also nicht ganz konsequent - wird das auch weitergehen.

Und dann - ein paar verstreute Andeutungen dazu gab es schon - werde ich in ein paar Wochen Vater. Dass das meine Prioritäten gründlich neu sortieren wird, dürfte jedem klar sein. Wie sagte die Hl. Mutter Teresa? "Wenn du die Welt verändern willst, geh nach Hause und liebe deine Familie." Auch darüber dürfte es eine Menge zu bloggen geben - sofern Zeit und Energie es erlauben. So oder so, auch dies wird den Schwerpunkt dieses Blogs verändern. Seien wir gespannt.



Freitag, 22. September 2017

Die menschliche Natur, als Käsekugel betrachtet

Dem Adverb "bekanntlich" wohnt eine erstaunliche Kraft inne, noch die aberwitzigsten Behauptungen mit einer Aura des Beglaubigten, nicht Bezweifelbaren zu umkleiden. Würde jemand beispielsweise schreiben "Die katholischen Kirchenoberen haben über Jahrhunderte behauptet, die Erde bestehe aus einer Scheibe Schweizer Käse", würde sich wohl so mancher Leser am Kopf kratzen und sich fragen, ob das wohl stimmen kann. Schreibt man hingegen "Die katholischen Kirchenoberen haben bekanntlich über Jahrhunderte behauptet, die Erde bestehe aus einer Scheibe Schweizer Käse", dann bleibt dem kritischen Leser nur noch, sich zu fragen, wie es sein kann, dass ihm diese allgemein anerkannte Tatsache bislang unbekannt war. 

Aus welcher Kultur stammt dieses Kosmos-Modell? Tipp: Nicht aus der christlichen!
(Bildquelle hier.)  

Der zitierte Satz steht in einem Leserbrief einer Yvonne W. aus N. an die Tagespost, die so freundlich war, dieses bemerkenswerte Stück Prosa tatsächlich zu drucken - wobei ich einräumen muss, dass der "Schweizer Käse" auf das Konto von Bloggerkollege Peter geht, der mich erst auf Frau W.s Leserbief aufmerksam gemacht hat. Ansonsten steht der Satz aber wortwörtlich so da. 

Worum geht's aber denn nun eigentlich in dem Leserbrief? - Das ist gar nicht so leicht zu erkennen und auf den Punkt zu bringen, aber der Anlass ist jedenfalls der Abschied Friedhelm Hofmanns von seinem Amt als Bischof von Würzburg. Dem scheidenden Bischof Hofmann ruft Yvonne W. nach, er habe "sich bis heute nicht mit der Lebenswirklichkeit angefreundet" und "also nichts hinzulernen" gekonnt. Ah ja. Aber was hätte er denn, Yvonne W.'s bescheidener Auffassung nach, hinzulernen können oder sollen

Nun, zum Beispiel, dass "der Schöpfergott, so es ihn gab beziehungsweise gibt [!], uns Menschen nicht ausschließlich als heterosexuelle Wesen geschaffen hat, sondern auch als Menschen mit homosexueller oder anderweitiger Orientierung". Hat man so ähnlich auch anderswo schon gehört oder gelesen -- aber ist es nicht interessant, wie sich Frau W. auf einen Schöpfergott beruft, von dem sie gleichwohl nicht ganz überzeugt ist, dass es ihn überhaupt gibt? Man könnte sagen, das verweise in aller wünschenswerten Deutlichkeit auf die Aporie des handelsüblichen "Wenn es Gott gibt, dann muss er aber auch so und so sein"-Geschwafels: Einen Gott, der genau so ist, wie man ihn gerne hätte, den kann man sich vielleicht vorstellen, aber so richtig echt an dessen objektive Existenz zu glauben, das ist schwer. Denn objektive Existenzen haben es im Allgemeinen so an sich, dass sie sich nicht meinen Vorstellungen darüber, wie sie zu sein hätten, anpassen. 

Gleich darauf folgt dann der Punkt mit der Erde als Scheibe. Was soll der in diesem Zusammenhang beweisen? Dass die Kirche keinen besonders tiefen Einblick in das objektive Wesen der Dinge habe, dass von "göttlicher Erleuchtung oder Eingebung" also "keine Rede sein" könne. Denn während die Kirche noch an der Lehre von der Scheibenform der Erde festgehalten habe, habe die "moderne Wissenschaft [...] längst erkannt, dass der Erdball kugelförmig strukturiert ist". Äh, Moment. Die moderne Wissenschaft hatte längst erkannt... Seit wann gibt es denn überhaupt eine moderne Wissenschaft? (Noch dazu eine, die von der Kirche unabhängig war... Aber stopp, dieses Argument könnte nach hinten losgehen.) Es kommt aber noch besser: 
"So dürfte es eines Tages auch bei der Frage der menschlichen Sexualität kommen." 
Das heißt dann wohl: Eines Tages wird die moderne Wissenschaft erkennen, dass die menschliche Sexualität kugelförmig strukturiert ist. Was ja beispielsweise Aristophanes schon vor rund zweieinhalb Jahrtausenden wusste. 
"Ähnlich wird es sich mit der Frauenordination entwickeln." 
Ach so? Heißt das, die ist auch kugelförmig? Oder vielleicht doch eher aus Käse? 

Aber mal im Ernst. Falls jetzt der eine oder andere Leser kritisch anmerken möchte, es sei doch ein bisschen billig, sich über Yvonne W.s ungelenke Formulierungen und unausgegorene Gedankengänge lustig zu machen, muss ich einräumen: Ja, stimmt. Dieses Phänomen, kraft der eigenen Wassersuppe viel besser über Gott, die menschliche Natur, Gut und Böse und alle Dinge überhaupt bescheid zu wissen, als die Kirche es in 2000 Jahren hingekriegt hat, findet man schließlich auch bei erheblich gebildeteren und eloquenteren Leuten als der guten Yvonne, die sich ihre gesammelten Weisheiten schwerlich ganz allein ausgedacht haben wird. Etwa, dass "Jesus aus Nazareth, der Wanderprediger, [...] keinerlei 'schriftliche Erklärungen'" hinterlassen habe, "denn die sogenannten Evangelien wurden etwa 50 bis 150 [!] Jahre nach seinem Tod verfasst, in griechischer Sprache, also nicht in Galiläa oder Palästina" [wo natürlich kein Mensch Griechisch sprach oder gar schrieb, schon klar]. Das hat sie doch bestimmt von irgendwelchen "fortschrittlichen" Theologen! "Es handelt sich also immer nur um Menschenwerk, ob nun gut gemeint oder nur schlecht gemacht", schlussfolgert sie. Nun wird's aber schon wieder aporetisch. Versucht man, den "historischen Jesus", den "Wanderprediger aus Nazaret", von dem Christus, den die Kirche verkündet und zu dem sie sich bekennt, zu unterscheiden und gegen diesen auszuspielen, stößt man schnell an das Problem, dass man über diesen geheimnisvollen Wanderprediger überhaupt nichts weiß und auch nichts wissen kann. Denn die "sogenannten Evangelien" und sonstigen Überlieferungen der Kirche sind dann ja schon aus Prinzip unglaubwürdig, und andere Quellen... gibt es nicht

Was mich übrigens an einen Blogartikel von Antje Schrupp erinnert, den ich neulich zu meinem Ärger gelesen habe. Antje Schrupp ist übrigens keine Theologin, auch wenn sie manchmal ganz gern so tut (dasselbe könnte man auch von mir behaupten, daher ist es nicht ganz so böse gemeint, wie es vielleicht klingt). Wie dem auch sei: Unter der Überschrift "Kein Argument gegen den historischen Jesus" setzte Frau Schrupp sich jüngst mit der Behauptung auseinander, "immer mehr" Wissenschaftler würden "die historische Existenz Jesu in Frage stellen". Das hauptsächliche Argument für solche Zweifel an der Historizität Jesu sei der Umstand, "dass es keine nicht-christlichen zeitgenössischen Zeugnisse über Jesus gebe". Das, meint Antje Schrupp, sei allerdings "kein wirkliches Argument"; soweit würde ich ihr noch zustimmen. Weiter führt sie jedoch aus: 
"Jesus selbst war quasi 'nur' ein Wanderprediger unter vielen. Er war zwar der 'Erlöser', aber wegen seiner Ethik, seiner Lehre [...]. Die Erlösung, die 'gute Nachricht', war [...] ein Vorschlag, das Leben auf der Erde anders zu gestalten und sich nach anderen Kriterien zu verhalten als die ansonsten üblichen[.]"
Die christliche Religion, so meint Antje Schrupp, sei 
"natürlich inspiriert von Jesu Lehre. Aber Jesus selbst war an der Ausarbeitung dieser Theologie und dieses Gottesverständnisses nicht mehr persönlich beteiligt. Er war ja schon tot." 
Wie ich an anderer Stelle schon mal schrieb: Bei Manchem, was so an Thesen und Deutungsmustern durch den theologischen Diskurs geistert, würde ich mir ein Warnschild oder auch eine Lautsprecherdurchsage wünschen, welche besagt: 
"Achtung, Sie verlassen soeben den Boden des Christentums. Bitte achten Sie auf Ihr Gepäck." 
Leserbrief-Autorin Yvonne W. aus N. braucht diesen Hinweis freilich nicht: Die hat sich schon vor längerer Zeit dazu entschlossen, "dem offiziellen Christentum den Rücken zu kehren". Wohingegen Antje Schrupp meint (oder jedenfalls anno 2014 meinte): 
"Alles, was sich so nennt, ist das Christentum, ob uns das passt oder nicht. Man darf der Versuchung nicht nachgeben, festlegen zu wollen, was rechtmäßig dazu gehört und was nicht." 
 Also, ich muss sagen: Im direkten Vergleich zu solchen Weisheiten ziehe ich es dann doch vor, mich vom Honigtau der Erkenntnisse einer eingestandenermaßen ex-christlichen Leserbriefschreiberin erquicken zu lassen... 



Donnerstag, 21. September 2017

Die Störche und das Blaue vom Himmel

Im Vorfeld des diesjährigen Marschs für das Leben hatte ich, wie schon in den Jahren zuvor, auf meinem persönlichen Facebook-Profil einige Beiträge mit Bezug auf diese Veranstaltung geteilt, die unschwer und mit Recht als Werbung für den Marsch verstanden werden konnten. Auf einen dieser Beiträge erhielt ich eine kritische Reaktion von einer Freundin, die sich mit Blick auf die nahe Bundestagswahl - ohne sich explizit für eine bestimmte Partei auszusprechen - stark gegen die AfD engagiert, beispielsweise mit einer Reihe von Kurzfilmen, die sie gedreht und auf YouTube veröffentlicht hat. Diese Freundin äußerte sich - sagen wir mal - unzufrieden darüber, dass ich für eine Demonstration warb (und selbst daran teilzunehmen beabsichtigte), bei der - den Erfahrungen der Vorjahre nach zu urteilen - voraussichtlich auch die prominente AfD-Politikerin und Europaparlamentarierin Beatrix von Storch mit von der Partie sein würde. Ich erwiderte, falls Beatrix von Storch auch dieses Jahr wieder am Marsch für das Leben teilnehmen würde, würde sie ja auch das Grußwort des Berliner Erzbischofs Heiner Koch zu hören bekommen, in dem dieser mehrfach betont, der Einsatz für das bedingungslose Lebensrecht aller Menschen schließe auch ein, "zur Lebensgefährdung etwa in der Flüchtlingsfrage nicht [zu] schweigen"; und diese Ermahnung zur Kenntnis zu nehmen würde Frau von Storch gewiss nicht schaden. Ganz zufrieden war meine Freundin mit dieser Erwiderung nicht, aber sie ist eben eine Freundin und kennt mich gut genug, um zu wissen, dass meine Übereinstimmung mit Positionen der AfD sich in sehr engen Grenzen hält, und so verlief die Diskussion im Ganzen friedlich. 

Ob Beatrix von Storch dieses Jahr tatsächlich beim Marsch für das Leben war, weiß ich übrigens nicht; gesehen habe ich sie nicht, vielleicht hatte sie so kurz vor der Bundestagswahl Anderes zu tun. Richtig ist, dass sie in den vergangenen Jahren mehrmals dabei war, mindestens einmal an sehr prominenter Stelle: Da ging sie an der Seite hochrangiger Vertreter des Bundesverbands Lebensrecht an der Spitze des Zuges und trug zusammen mit diesen das Haupttransparent des Marsches. Das war noch vor der Flüchtlingskrise, mithin zu einem Zeitpunkt, als die AfD sich noch in erster Linie als wirtschaftsliberale Partei mit steilen Thesen gegen die EU, den Euro und die Griechenlandrettung profilierte. "Umstritten" war die Partei aber damals natürlich auch schon, und auch davon abgesehen gab es von "außen" wie von "innen" einige Kritik daran, einer bekannnten Parteipolitikerin beim Marsch für das Leben eine so auffällige Bühne zu bieten. In der Folge ging Beatrix von Storch dann nur noch als eine unter Vielen beim Marsch mit. 

Der Vorwurf, der Marsch für das Leben sei eine verkappte AfD-Veranstaltung oder zumindest AfD-nah, hält sich dennoch hartnäckig; das zeigte sich auch in den Reaktionen auf den diesjährigen Marsch mal wieder. So zum Beispiel in Kommentaren auf der Facebook-Seite des Erzbistums Berlin und jener der Tagespost. Und einige dieser Kommentare kamen um einige Grade aggressiver daher als diejenigen meiner eingangs erwähnten Freundin. 

Noch einigermaßen zivil im Umgangston, dafür aber umso schärfer in der Sache gab sich ein Kommentator auf der Seite des Erzbistums: 
"Hm, gab es nicht einmal Jahre, in denen sich das Erzbistum mit Empfehlungen für diesen Fundi-Marsch, wo sich AfD, Evangelikale und fragwürdige rechtsaußen Gruppierungen mit rumgetrieben haben, zurückgehalten hat? Würde ich besser finden." 
(Ich frage mich übrigens, was Evangelikale wohl von ihrer nonchalanten Erwähnung in dieser Aufzählung halten mögen, aber das nur nebenbei.) 
"Aber gut, jeder macht sich gemein mit wem er es für richtig hält. Da braucht man sich aber auch nicht über Gegenproteste wundern, wenn man Veranstaltungen promoted, die von Rechtspopulisten und -radikalen gefördert werden." 
Einwände des Inhalts, Personen, die selbst am Marsch für das Leben teilgenommen hätten, könnten diesen womöglich zutreffender beurteilen als er, wies der Kommentator zurück: 
"Wie der Lemming irgendwo mitzulatschen hat in Deutschland erfahrungsgemäß noch nie zu sonderlich reflektierten Schlussfolgerungen geführt." 
Schließlich wies ein Moderator der Bistumsseite den kritischen Kommentator darauf hin, die Spandauer Kirchengemeinden hätten unlängst schließlich auch eine Demonstration gegen einen Nazi-Aufmarsch unterstützt -- sei da etwa auch der Vorwurf angemessen, man habe sich "mit den Linksradikalen 'gemein' gemacht, die dort nun wahrlich zahlreicher vertreten waren, als böse Rechte beim Marsch für das Leben?" Aber bei diesem Einwand hörte für den Kommentator endgültig der Spaß auf: 
"Oh, eine links-rechts-Gleichsetzung. Keine weiteren Fragen." 
Merke: Rechte und linke Extremisten auf eine Stufe stellen, das darf man nicht. Schließlich sind die Linken gut, während die Rechten böse sind. Diese Argumentation kennen wir beispielsweise auch von SPD-Vize Ralf Stegner. Ich werfe da mal kurz das Stichwort "Tribalismus!" in den Raum -- merken wir uns das für später. 

Was diese Grafik (Bildquelle: Pixabay) uns ursprünglich mal sagen wollte, ist mir nicht ganz klar, aber irgendwie finde ich sie recht beziehungsreich. 

"Wie steht ihr eigentlich dazu, dass jedes Jahr Beatrix von Storch mitmarschiert? Die Frau, die Schiessbefehl auf Flüchtlingskinder gutheisst! Zudem die Identitäre Bewegung und noch andere rechte Gruppen laufen auch bei eurem Marsch mit! Schämt ihr euch nicht? Pfui, wie verlogen!" 
Der Dame, die sich solcherart äußerte, stellte ich mal direkt eine Gegenfrage:
"Wenn Sie sich für eine Sache engagieren, die Ihnen wichtig ist, und zufällig unterstützen auch Personen oder Gruppen, mit denen Sie lieber nichts zu tun haben würden, dieselbe Sache. Geben Sie Ihr Engagement dann deswegen auf?" 
Die Reaktion hierauf ließ erkennen, dass meine Debattengegnerin mit dieser Anforderung an ihr Abstraktionsvermögen überfordert war: 
"Das beantwortet nicht meine Frage. Mit Rechte hatte /habe ich nichts zu tun und werde ich auch in Zukunft nichts zu tun haben! Für die Sachen, für die ich mich engagiere, erst recht nicht! Ich lehne alles Rechte ab!" 
Merkste, lieber Leser? Da ist der Tribalismus wieder! "Ich lehne alles Rechte ab", das heißt offenbar: Ich bin nicht deshalb gegen Rechte, weil diese bestimmte Standpunkte vertreten, die ich ablehne; sondern ich lehne bestimmte Standpunkte ab, weil sie von Rechten vertreten werden. Klingt doof? Finde ich auch, aber gleichzeitig bin ich überzeugt, dass eine sehr große Zahl von Menschen sich ihre politische Meinung auf diese Weise bildet. Also wohlgemerkt auch umgekehrt, im Sinne von "Ich lehne alles Linke ab". Darauf, was an diesem Tribalismus, egal von welcher Seite, so unvernünftig ist, komme ich später noch einmal zurück. Erst einmal noch etwas Anderes: Man kann aus einer dem Marsch für das Leben grundsätzlich wohlgesonnen Haltung heraus Kritik an der Teilnahme rechtspopulistischer Politiker üben. Etwa mit Blick auf die Gefahr, dass diese Politiker das Anliegen des Marsches in der öffentlichen Wahrnehmung in ein schiefes Licht rücken und ihn für ihre eigene politische Agenda instrumentalisieren könnten. Man kann die Teilnahme solcher Politiker aber auch als Keule benutzen, um auf den Marsch und seine Unterstützer einzudreschen. Zu letzterem bin ich geneigt zu sagen, der Hinweis auf die politische Gesinnung einzelner Teilnehmer tauge kaum dazu, das Anliegen des Marsches in Bausch und Bogen zu diskreditieren. Wird das dennoch versucht, kann man zumeist davon ausgehen, dass diese Argumentation mehr oder weniger bloß vorgeschoben ist und sich dahinter ganz andere Gründe verbergen, dem Marsch für das Leben ablehnend gegenüberzustehen. So auch im Fall der oben zitierten FB-Nutzerin: 
"Jetzt mal Klartext, von mir als Frau: Keine Frau treibt einfach so aus Spass ab. Würden die Fundis nicht den neuen Aufklärungsunterricht an Schulen boykottieren, gäbe es meiner Meinung nach auch weniger ungewollte Schwangerschaften. Das ist Punkt 1". 
Echt jetzt? Das würde ja bedeuten, dass ungewollte Schwangerschaften schwerpunktmäßig Kinder aus "Fundi"-Familien betreffen, weil diese vom "Aufklärungsunterricht" ferngehalten wurden... Oder verstehe ich da was falsch? Vermutlich. Irgendwie hat dieser "Punkt 1" wohl mit der Demo für Alle und Bildungsplänen zum Thema "Sexuelle Vielfalt" zu tun, und mit Zeitreisen anscheinend auch, denn wie sonst sollten die neuen Bildungspläne, würden sie nicht von "Fundis" be- oder verhindert, rückwirkend die Zahl ungewollter Schwangerschaften reduzieren können? Aber es gibt ja auch noch einen
"Punkt 2, Abtreibungen hat es schon immer gegeben und wird es auch immer geben. Sollen Frauen eurer Meinung nach etwa wieder gezwungen sein, zu einem Engelmacher zu gehen? Wofür haben unsere Mütter gekämpft? Für die Gleichberechtigung und das Recht über den eigenen Körper! Als Frau gehört mein Bauch nur mir!" 
Allright-a, das ist nun wirklich best of bullshit. Geht aber noch weiter:
"Die Gegendemonstranten wollen eben keinen Rückschritt in dunkle Zeiten, wo Abtreibung verboten war. Sehen Sie sich die Zustände in Polen an, was dort das Abtreibungsverbot durch die PIS-Regierung bewirkt hat. Die polnischen Frauen sind gezwungen ins Ausland zu gehen, um abzutreiben. Soll das die Lösung sein? Ich glaube nicht, auch die Dunkelziffer der Abtreibungen sind in Polen höher geworden und haben das Gegenteil bewirkt. Was Deutschland betrifft, sollen noch mehr "Sozialfälle" durch ein Abtreibungsverbot produziert werden? Wir haben hier genug Kinderarmut und diese Kinder haben nie eine Chance aus diesem Teufelkreis raus zu kommen. Und was ist mit den Kindern, die zwar in die Welt gesetzt werden, aber von ihren Eltern vernachlässigt, misshandelt und sogar getötet werden? Mit diesen Fällen beschäftigt sich komischerweise kein Abtreibungsgegner. Und genau das ist nach meinem Empfinden ein krasser Widerspruch!" 
Ich antwortete: 
"Ich fasse mal Ihre Argumente zusammen: 
- Kinderarmut, Vernachlässigung und Misshandlung von Kindern kann man verhindern, indem man die Kinder rechtzeitig umbringt. 
- Wenn es legal nicht möglich ist, Kinder umzubringen, dann wird es illegal trotzdem getan; also sollte es legal sein. 
Das ist Ihr Ernst, ja?" 
Auch meine Liebste meldete sich zu Wort und betonte,
"dass es eine sehr sozialdarwinistische Sichtweise ist, Armut dadurch bekämpfen zu wollen, dass man Arme einfach beseitigt - dieses Argument ist mir echt zu rechtsextrem, sorry." 
Mit diesem Stichwort erwischte meine Liebste die, siehe oben, "alles Rechte ablehnende" Kommentatorin natürlich mit voller Absicht auf dem ganz falschen Fuß: 
"Ich und rechtsextrem? 'laut lach'. [...] Aber mal ehrlich, wer wünscht sich als Eltern für die Zukunft seiner Kindern ein Leben in Armut? Kleiderkammern, HartzIV und Null Perspektiven? Tolle Argumentation, ganz grosses Kino!" 
Nun wohl: Zurück zum Thema Tribalismus. Wir haben es in dieser Diskussion mit einer Person zu tun, die für sich selbst definiert, sie "lehne alles Rechte ab" -- und die daher überzeugt ist, es könne ja per definitionem gar nicht sein, dass ihre Ansichten irgend etwas mit rechtsextremem Gedankengut gemein hätten. Die Plumpheit ihrer Argumentation macht sie zu einem guten Anschauungsbeispiel, aber grundsätzlich, so möchte ich behaupten, ist diese Art zu denken weit verbreitet, auch unter Menschen, die man nicht unbedingt als dumm einschätzen würde. Wenn ich in diesem Zusammenhang den Begriff Tribalismus verwende, dann meine ich damit die Tendenz, die Zugehörigkeit zu einem politischen "Lager" höher zu bewerten als die Frage, wofür dieses Lager eigentlich inhaltlich steht. Inhaltliche Positionen können sich wandeln oder gar in ihr Gegenteil verkehren, bestimmte Einstellungen können sogar von einem Lager ins andere wechseln - Antisemitismus z.B. war früher rechts, heute ist er zunehmend links -, aber die Loyalität des Tribalisten bleibt davon unberührt. Die eigenen Leute haben immer Recht, und sollten sie plötzlich das Gegenteil von dem behaupten, was sie gestern behauptet haben, dann hätten sie auch damit Recht. Ich sagte es bereits, wiederhole es aber gern noch einmal: Dieses Phänomen ist keineswegs auf eine bestimmte politische Richtung oder ein bestimmtes Milieu beschränkt, sondern ist insgesamt stark im Kommen. Ich finde das beunruhigend.

Ungefähr zeitgleich mit der oben geschilderten Diskussion lief in den Weiten von Facebook eine andere Debatte ab, die ich eher zufällig zu sehen bekam - weil ein FB-Freund von mir sich dort eingeschaltet hatte. Es handelte sich um eine Debatte um ein Plakat der AfD mit Bezug zum Oktoberfest, und der besagte FB-Freund hatte sich deshalb dort eingeklinkt, weil er einer Ordensschwester zu Hilfe kommen wollte, die sich kritisch über die AfD geäußert hatte und deswegen massiv angegriffen wurde. Eine Frau setzte der Schwester besonders heftig und hartnäckig zu; im Wesentlichen griff sie die Schwester dafür an, dass sie Ordensschwester ist, und kramte dazu ein buntes Sammelsurium aus altbekannten Vorurteilen, Halb- und Falschwissen über die Katholische Kirche heraus. Was ich daran so frappierend fand, war der Umstand, dass sich die Wortmeldungen dieser Dame hinsichtlich ihres sprachlichen und argumentativen Niveaus, ihrer Fülle von Fehlschlüssen und ihrer mehr oder weniger offenen Aggressivität gegenüber anderen Diskussionsteilnehmern kaum von denen unterschieden, mit denen ich mich zeitgleich auf der Tagespost-Seite auseinandersetzte. Komisch, dachte ich, die beiden Frauen müssten sich eigentlich sehr gut verstehen. Obwohl die eine offenbar AfD-Anhängerin ist und die andere "alles Rechte ablehnt". Ein weiteres Indiz dafür, dass es gar nicht so besonders viel über einen Menschen aussagt, wo er sich politisch verortet.

Im Ernst: Ich glaube immer weniger daran, dass eine Einteilung politischer Standpunkte in "links" und "rechts" irgend etwas Sinnvolles aussagt. Ob jemand sich als politisch "links" oder "rechts" definiert, ist in etwa so signifikant wie die Frage, welchem Fußballverein er zujubelt. Ein Fußballfan wird natürlich der Meinung sein, zwischen Bayern München und Borussia Dortmund bestünde ein himmelweiter Unterschied; aber jemand, der dem Gesamtphänomen Profifußball eher distanziert gegenübersteht, wird kaum einen Unterschied zwischen beiden Teams feststellen können. Abgesehen von der Farbe der Trikots, versteht sich.

Ob die die Mehrzahl der Teilnehmer am Marsch für das Leben "rechts" oder "links" ist; ob die Gegendemonstranten, Störer und Blockierer "rechts" oder "links" sind; ob der Slogan "My Body, My Choice" "rechts" oder "links" ist - das ist mir, ehrlich gesagt, mehr oder weniger egal. Was mir NICHT egal ist, ist der Umstand, dass an jedem regulären Arbeitstag in Deutschland durchschnittlich mehr als 400 ungeborene Kinder grausam umgebracht werden - vergiftet, verätzt, totgespritzt, in Stücke gerissen. Gegen dieses alltägliche himmelschreiende Unrecht zu protestieren, ist weder "rechts" noch "links" - das ist nicht mehr und nicht weniger als ein Gebot der Menschlichkeit.



Dienstag, 19. September 2017

Wie viele Leute passen auf den Platz der Republik?

Ein paar Tage nach dem Marsch für das Leben stellt sich wie jedes Jahr die Frage: Was sagen denn "die Medien" so? -- Josef Bordat, der dieses Jahr leider nicht selbst  mit von der Partie sein konnte, hat bereits am Samstagabend auf einen Bericht der Berliner Zeitung hingewiesen, in dem von "mehr als 1000 Abtreibungsgegner[n]" die Rede war, während die Zahl der Teilnehmer an zwei vom "Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung" und dem Bündnis "What the Fuck?" ausgerichteten Gegenveranstaltungen auf insgesamt etwa 3000 beziffert wurde. Dieselben Angaben fanden sich ursprünglich auch in einem Bericht des RBB, der inzwischen allerdings teilweise überarbeitet wurde: Jetzt heißt es dort: "Nach Polizeiangaben versammelten sich dort laut Polizei am Mittag mehrere tausend Menschen. Laut Katholischer Nachrichtenagentur waren es 7.500 Teilnehmer." Über weite Strecken nahezu wortgleich wurde dieser Bericht auch von der sächsischen (evangelischen) Kirchenzeitung Der Sonntag übernommen - die Angabe zur Teilnehmerzahl allerdings nicht; diese liest sich dort so: "Etwa 3000 christliche Abtreibungsgegner und sogenannte Lebensschützer zogen nach Polizeiangaben mit einem 'Marsch für das Leben' vom Reichstag durch Berlin-Mitte zum Brandenburger Tor." 

Mehr als 1000? Sicherlich. Aber wie viel mehr, ist doch wohl die entscheidende Frage! 
Vergleicht man diese verschiedenen Zahlenangaben miteinander, kann man feststellen, dass "mehr als 1000" in jedem Fall zutrifft; aber die entscheidende Frage ist doch: wie viel mehr als 1000? Nun muss ich leider sagen, dass ich sehr, sehr schlecht im Schätzen von Menschenmengen (oder überhaupt von Mengen) bin. Trotzdem kann ich ja mal meine Beobachtungen schildern. Ich war am Samstag schon gegen halb Zwölf auf dem Platz der Republik, und zu diesem Zeitpunkt waren da erst ziemlich wenige Leute, abgesehen von solchen, die auf die eine oder andere Weise an der Organisation des Marsches bzw. der Auftaktkundgebung beteiligt waren. Also schaute ich zu, wie sich der Platz nach und nach füllte, und noch gegen halb Eins fand ich, es seien noch nicht so richtig doll viele Leute. Aber um Eins war der Platz voll. Und der Platz der Republik ist nun nicht gerade klein. Wie viele Menschen mögen da wohl draufpassen, selbst wenn man die Fläche der Bühne, des Infopavillons und der abgesperrten Bereiche abzieht? Mit aller Vorsicht gesagt: Die Formulierung "mehrere tausend" vermittelt wohl einen realistischeren Eindruck als "mehr als tausend"

Aber es kommt ja nicht nur auf die Teilnehmerzahl an. Was schreibt die Journaille denn sonst noch so über den Marsch? -- Im obigen Zitat aus der Kirchenzeitung Der Sonntag ist vielleicht dem einen oder anderen Leser schon die Formulierung "sogenannte Lebensschützer" aufgefallen. Wörtlich so stand's auch beim RBB. Nun hätte ich zwar eigentlich gedacht, in neutral sein wollender Berichterstattung (im Unterschied zu dezidierten Meinungsbeiträgen) hätten Vokabeln wie "sogenannte" (womit ja suggeriert wird, die Bezeichnung sei eigentlich unzutreffend) gar nichts zu suchen, aber diese Einstellung ist wohl ziemlich 90er. Wundern muss man sich übrigens auch nicht, dass der Evangelische Pressedienst (epd), der für den besagten Artikel verantwortlich zeichnet, dem Marsch für das Leben nicht wohlgesonnen ist. Schließlich befindet sich der epd in der Trägerschaft der EKD und deren Teilkirchen, und die legen ja schon seit Jahren größten Wert darauf, sich von den "sogenannten Lebensschützern" abzugrenzen.

Aber natürlich können andere Publikationen das noch toppen. Die taz etwa stellt sich in einem Artikel mit der Überschrift "Bunt und laut gegen weiße Kreuze" von vornherein explizit auf die Seite der Gegendemonstranten und schwärmt:
"Überall fliegen lila Luftballons herum, Regenbogenfahnen schwingen am Himmel und feministischer HipHop dröhnt aus dem Lautsprecherwagen. Die AbtreibungsgegnerInnen werden an den Seitenstraßen mit Trillerpfeiffen und 'My body, my choice'-Sprechchören empfangen. Ihr Ziel eines stillen Trauermarsches konnten sie nicht erreichen."  
Das Neue Deutschland zeigt ein Foto von einem zerbrochenen Holzkreuz und titelt dazu "'Lebensschützer' marschieren gegen die Rechte von Frauen"; "christlich-fundamentalistische Abtreibungsgegner und politische Unterstützer aus rechtskonservativen Kreisen", so lässt man die Leser wissen, träfen sich "zu ihrem sogenannten Marsch für das Leben".  Den Vogel schießt jedoch "Bento", das Spiegel-Online-SpinOff für die Zielgruppe der 18-30jährigen, ab. "So stellen sich Menschen in Berlin Abtreibungsgegnern in den Weg", lautet da die Überschrift - super, nicht? Auf der einen Seite Menschen, auf der anderen Abtreibungsgegner. Die Sympathien sind klar verteilt, was will man mehr. Im Teaser-Absatz wird behauptet, beim Marsch für das Leben würde "gegen das in Deutschland existierende Recht auf Abtreibung" demonstriert. Noch einmal langsam zum Mitschreiben: Es wird behauptet, in Deutschland existiere ein Recht auf Abtreibung. Da fällt es schon ziemlich schwer, nicht das L-Wort in den Mund zu nehmen.

Warum, so möchte man fragen, diese Lügen, diese Scheingefechte, diese Verdrehungen? Warum werden ausgerechnet Lebensschützer so sehr diffamiert? -- Sicherlich gibt es auf diese Frage mehr als eine richtige Antwort, aber die Antwort, die ich bevorzuge, lautet: Weil sie den Finger in eine sehr, sehr schmerzhafte Wunde legen. Weil sie auf ein himmelschreiendes Unrecht - die massenhafte grausame Tötung wehrloser Kinder - aufmerksam machen, das Andere lieber ausblenden oder zumindest so tun möchten, als wäre es keins. Ein Aspekt, der hierbei, wie ich glaube, oft unterschätzt wird, ist das Ausmaß der persönlichen Betroffenheit. Dabei kann man sich das eigentlich ganz leicht vor Augen führen: Wenn es laut offiziellen Zahlen in Deutschland jährlich etwas über 100.000 Abtreibungen gibt, dann kommen wir in einem Zeitraum von 20 Jahren auf mehr als 2 Millionen getötete Kinder. An diesen über zwei Millionen Abtreibungen in 20 Jahren waren aber jeweils nicht nur die schwangere Frau und das medizinische Personal, das den Eingriff durchführte, beteiligt, sondern in wahrscheinlich den meisten Fällen auch noch mehrere weitere Personen, die die schwangere Frau mehr oder weniger massiv zur Abtreibung gedrängt oder ihr zumindest dazu geraten haben - in vielen Fällen wohl der Kindsvater, in anderen Fällen Familie, Freunde oder das berufliche Umfeld der Schwangeren. Macht man sich das bewusst, kommt man auf eine sehr, sehr große Zahl von Personen, für die die Frage nach der ethischen Bewertung von Abtreibung sehr "close to home" ist.

Aus gutem Grund kommen deshalb bei der Kundgebung zum Marsch für das Leben regelmäßig auch Betroffene zu Wort. In diesem Jahr handelte es sich um ein junges Paar, das zu einem sehr frühen Zeitpunkt der Beziehung mit einer ungewollten Schwangerschaft konfrontiert worden war. Beide berichteten, praktisch ihr gesamtes Umfeld habe ihnen daraufhin suggeriert, so eine ungewollte Schwangerschaft sei ja "nicht so schlimm", schließlich könne man ja abtreiben. Ihnen wurde auch eingeredet, das, was da in der Gebärmutter der jungen Frau heranwachse, sei "noch kein Kind", sondern nur "Gewebe", das man ruhig "wegmachen" könne - das habe nichts mit Töten zu tun. Die Frau hatte übrigens schon früher einmal eine Abtreibung gehabt - und diese, wie sie berichtete, emotional nie richtig verarbeitet, sondern vielmehr verdrängt. Bei der zweiten Abtreibung kam dieses Verdrängte dann mit voller Wucht wieder hoch. Ich brauche hier wohl nicht weiter ins Detail zu gehen, um deutlich zu machen, worauf ich hinaus will: Nach einer Abtreibung sich selbst und anderen einzugestehen "Diese Entscheidung war falsch", erfordert großen Mut, aber es kann seelisch heilsam sein. Ein in der öffentlichen Debatte selten erwähnter, aber gar nicht unbedeutender Teil der Arbeit von Lebensschutzinitiativen besteht darin, Frauen, die abgetrieben haben, dabei zu helfen, mit ihren Schuldgefühlen fertig zu werden. Auch beim Abschlussgottesdienst zum Marsch für das Leben wird stets explizit für von Abtreibung betroffene Frauen gebetet. Die oft gehörte Behauptung, die Lebensschutzbewegung würde diese Frauen "stigmatisieren" oder gar "verdammen", ist somit ein ziemlich bizarrer Vorwurf - allerdings einer, der auch jenseits des Themas Abtreibung immer mal wieder gegen Christen erhoben wird, wenn sie es wagen, dieses oder jenes als Sünde zu bezeichnen. Das ist nun allerdings ein Thema für sich. An dieser Stelle will ich nur sagen: Schuld zu leugnen und Schuldgefühle folgerichtig zu verdrängen, ist eine sichere Methode, die seelische Wunde nicht verheilen zu lassen. Und dass man dann aggressiv reagiert, wenn jemand an diese Wunde rührt --- ja, das ist durchaus verständlich.



Man könnte noch sehr viel mehr dazu sagen, aber da ich immer wieder von Lesern zu hören bekomme, meine Artikel wären leichter lesbar, wenn sie nicht ganz so lang wären, mache ich hier erst mal einen Punkt. Eine heute Vormittag auf Facebook geführte Debatte mit einer Lebensschutz-Gegnerin ist dann vielleicht eher ein Thema für einen eigenständigen Artikel...