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Donnerstag, 27. April 2017

Das "gott-förmige Loch" in uns... und in der Kirche

In den letzten Monaten war ich zusammen mit meiner Liebsten ein paarmal in einem von einer freikirchlichen Gemeinde betriebenen Café im Wedding. Es war sehr nett da, wir haben eine extrem sympathische Familie mit vier kleinen Kindern kennengelernt und uns auch sonst sehr gut unterhalten. Die einmal monatlich stattfindende Veranstaltung, die wir da besucht haben (und sicher auch in Zukunft wieder besuchen werden), hat nach den Worten des Initiators drei Schwerpunkte: "Gemeinschaft, Lobpreis, Zeugnis". Zum Stichwort "Zeugnis" gleich mehr; aber bleiben wir erst mal noch bei der Gemeinschaft. Dieser "Programmpunkt" bestand im Wesentlichen aus gemütlichem Zusammensitzen bei Kaffee und Kuchen (auf Spendenbasis), aber dennoch stand greifbar die Überzeugung im Raum, dass auch dies zum christlichen Charakter der Veranstaltung wesentlich dazugehört. Das fiel mir vor allem deshalb so auf, weil ich bei hauptsächlich auf "Geselligkeit" ausgerichteten Veranstaltungen in katholischen Gemeinden häufig nicht so deutlich diesen Eindruck habe. Darauf komme ich noch ausführlich zurück. 




Aber wie war das nun mit dem "Zeugnis"? - Da ich schon in meiner Jugend - vor allem im Alter von 14-16 Jahren, in meiner "ersten Fundi-Phase", wie ich sie gern augenzwinkernd nenne - öfter mal bei freikirchlichen Veranstaltungen war - und auch später noch gelegentlich, zum Teil aus familiären Gründen -, ist mir das Konzept "Zeugnis geben" recht vertraut, und ich habe schon so einige Zeugnisse gehört. Es geht dabei, nicht-Insider-sprachlich ausgedrückt, schlichtweg darum, dass jemand über seinen persönlichen Glaubensweg erzählt. Nicht selten weisen die Lebensgeschichten, die man da zu hören bekommt, ziemlich dramatische Wendungen auf; so habe ich zum Beispiel schon einige Zeugnisse von Menschen gehört, die vor ihrer Bekehrung drogen- oder spielsüchtig oder in Prostitution verstrickt gewesen waren. Es ist aber durchaus nicht so, dass eine solche Vergangenheit etwa eine zwingende Voraussetzung dafür wäre, in freikirchlichen Versammlungen Zeugnis zu geben. Tatsächlich sind Zeugnisse, die von den äußeren Fakten her eher unspektakulär daherkommen - die zum Beispiel auch nicht unbedingt mit einem filmreifen Bekehrungserlebnis aufwarten können -, oft nicht weniger beeindruckend. Das eigentlich Entscheidende ist, dass da ein Mensch steht, der davon erzählt, wie Gott in seinem Leben gewirkt hat und weiterhin wirkt. Und man staunt, wie oft Gott im Leben von Menschen wirkt, die scheinbar eher ungünstige Voraussetzungen dafür mitbringen, und auf was für Wegen Er es tut. Man könnte sagen, jedes Zeugnis ist deshalb wertvoll, weil jedes Zeugnis einzigartig ist - und man weiß nie, ob nicht jemand im Publikum sitzt, dem das jeweilige Zeugnis genau den Impuls gibt, den er braucht.

Nun muss ich allerdings auch gestehen, dass es auf mich als Katholiken manchmal einen recht zwiespältigen Eindruck macht, wenn freikirchliche Christen über ihren Glauben sprechen - und das meine ich nicht nur in Bezug auf die spezielle Form des Zeugnisses. Oft - nicht immer! - nehme ich bei freikirchlichen Christen eine spezifische Form von Religiosität wahr, die mich zwar in Hinblick auf Glaubensstärke, Begeisterung, Entschiedenheit, Hingabe beeindruckt, die mir gleichzeitig aber in Hinblick auf - sagen wir mal - Glaubenswissen und Reife einigermaßen defizitär erscheint. Ich weiß nicht recht, wie ich es ausdrücken soll, ohne dass es anderen Konfessionen gegenüber herabsetzend klingt, aber im Innersten bin ich überzeugt davon, dass die wirkliche Fülle des christlichen Glaubens - "die volle Einheit in Christus", wie es etwa in Lumen Gentium heißt - nur in der Katholischen Kirche zu finden ist. Weil die Kirche, um abermals Lumen Gentium zu zitieren, "in Christus gleichsam das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott" ist. "Das schließt nicht aus, dass außerhalb ihres Gefüges vielfältige Elemente der Heiligung und der Wahrheit zu finden sind" - wofür die Glaubenszeugnisse, die man in freikirchlichen Kreisen hören und erleben kann, ja gerade eindringlich, nun ja, Zeugnis ablegen -;  aber dennoch sind diese "Elemente der Heiligung und der Wahrheit" unvollständig. Ich frage mich zum Beispiel, wie jemand in einer christlichen Gemeinschaft Erfüllung zu finden glauben kann, der die Sakramente fehlen. Gut, wem die Bedeutung der Sakramente nie wirklich nahe gebracht worden ist, der wird vielleicht nicht wissen und auch nicht meinen, dass ihm etwas fehlt. Ein Mangel ist es trotzdem. Und wenn ich ein wirklich beeindruckendes Glaubenszeugnis höre, dann kommt mir manchmal mehr oder weniger unwillkürlich die Frage in den Sinn: Warum landen diese Leute bei ihrer Suche nach Gott eigentlich in irgendwelchen Freikirchen und nicht bei "uns"?

Da liegt es nun nahe, sich zu fragen, zu welchem Grad oder Anteil "wir", also die katholischen Christen, daran womöglich selbst schuld sind.

Okay, wir hatten in der diesjährigen Osternacht wieder einige Erwachsenentaufen. In der Kirche, in der meine Liebste und ich Osternacht gefeiert haben, waren es drei oder vier. Irgendwo habe ich kurz vor Ostern gehört, wie viele es insgesamt im Erzbistum Berlin seien; ich habe mir die Zahl nicht gemerkt, aber es waren deutlich mehr als ich erwartet hätte. Es gibt sie also, die Leute die erst im Erwachsenenalter den Glauben für sich entdecken und dann "bei uns landen". Diese Leute kommen auch nicht irgendwie aus dem Nichts, sondern es gibt Angebote und Anlaufstellen für sie, wie zum Beispiel den Alpha-Kurs. Die Motivation, dort hinzugehen, müssen sie allerdings schon selbst mitbringen.

Von was für Faktoren ist es nun also abhängig, wohin sich jemand wendet, der Antworten auf Glaubensfragen sucht - beziehungsweise jemand, der, wie Blaise Pascal es ausdrückte, das "gott-förmige Loch" in seiner Seele entdeckt hat und es zu füllen sucht - kurz gesagt also: jemand, der Gott sucht? Meine Liebste, die sich im fortgeschrittenen Teenageralter auf diese Suche begeben hat, ist da ein gutes Beispiel. Ich will nicht ins Detail gehen, das kann sie besser selbst tun; aber Eines kann ich aus ihren Erfahrungen doch mitteilen: Wenn jemand gerade erst anfängt, sich für den christlichen Glauben (oder für Religion überhaupt) zu interessieren, wird derjenige mit den theologischen Unterschieden zwischen den verschiedenen Konfessionen zunächst mal nicht besonders viel anfangen können, ja sie nicht einmal verstehen. Sondern er wird da hingehen, wo er das Gefühl hat, etwas zu finden, das seine Sehnsucht erfüllt. Was also tun "wir" als katholische Christen dafür, Menschen, die auf der Suche sind, dieses Gefühl zu geben? Die Dringlichkeit dieser Frage hängt natürlich damit zusammen, wie überzeugt wir davon sind, dass es, um das "gott-förmige Loch" wirklich und gänzlich zu füllen, die Sakramente der Kirche braucht. Wenn wir davon überzeugt sind, dann haben wir auch eine Verantwortung, uns darum zu bemühen, dass die Suchenden den Weg zu uns finden und nicht irgendwo anders hin.

Wenn ich - ich deutete es bereits an - meine Erlebnisse aus dem freikichlichen Café im Wedding mit manchen Erlebnissen in katholischen Lokalitäten vergleiche, dann stelle ich mir die Frage, ob es womöglich ein typisches Volkskirchenproblem ist, dass wir mit Menschen, die auf der Suche sind, gar nicht wirklich rechnen und ihnen deshalb auch relativ wenig anzubieten haben. Die Pfarrgemeinde als Struktur ist nicht missionarisch. Gemeindekreise und -gruppen haben eine Tendenz dazu, geschlossene Zirkel derer zu bilden, die schon immer da waren; man kann zwar, wenn man beispielsweise neu ins Gemeindegebiet gezogen ist, in diese Zirkel aufgenommen werden, aber das muss man dann wirklich wollen - leicht gemacht wird es einem nicht. Und dann stellt sich die Frage, warum jemand, der auf der Suche nach Gott ist, in diese Gruppen hineinkommen wollen sollte, wenn es darin um alles Mögliche geht, aber nicht um Gott. (Ehe sich jemand beschwert: Ich spreche hier lediglich aus eigener Erfahrung und Beobachtung der Erfahrungen Anderer. Es kann natürlich sein, dass es Gemeinden gibt, wo das ganz anders ist. Die würde ich dann gern mal kennenlernen.)

Wenn es in kirchlichen Räumen "offene Veranstaltungen" gibt, die - dem Anspruch nach - darauf ausgerichtet sind, dass da jeder hinkommen kann, dann handelt es sich zumeist um sogenannte "niederschwellige Angebote". Ich fürchte, dass dieser Begriff vielfach falsch verstanden bzw. verwendet wird. Eigentlich sollte "niederschwellig" doch bedeuten, dass man es den Leuten möglichst leicht macht, den Schritt über die Schwelle zu wagen. Nightfever, würde ich sagen, ist ein Paradebeispiel für ein niederschwelliges Angebot im guten Sinne. Vielfach wird unter diesem Begriff aber ein Angebot verstanden, dass inhaltlich möglichst anspruchslos ist, um nur ja niemanden zu "überfordern"; sprich: es soll möglichst wenig mit dem Glauben zu tun haben. Für mich ein weiteres Indiz dafür, dass mit Leuten, die dezidiert auf der Suche nach Gott sind, gar nicht gerechnet wird. Denn diese Leute würden sich bei einem so verstandenen "niederschwelligen Angebot" zwangsläufig fragen "Was soll ich hier?" und lieber woanders hingehen.

Zum Beispiel: Warum sollte ich in eine kirchliche Einrichtung gehen, um Fußball zu schauen? Das kann ich auch in soundsovielen normalen Kneipen. Der einzige nachvollziehbare Grund, zum Fußballschauen in ein Lokal in kirchlicher Trägerschaft zu gehen, wäre, dass man Freunde hat, die auch da hingehen - weil es mehr Spaß macht, sich das Spiel zusammen mit Freunden anzuschauen als mit Fremden in einer Kneipe. Die logische Folge ist, dass solche Angebote eine Tendenz zur Cliquenbildung entwickeln und somit gerade kein Kontaktangebot für Außenstehende sind.

Zugegeben: Veranstaltungsangebote, in denen erst einmal nicht um den Glauben geht und die gerade dadurch einen Erstkontakt mit Außenstehenden ermöglichen sollen, gibt es im freikirchlichen Bereich auch. Im frommen Jargon werden diese Angebote als "Fischteich" bezeichnet. Ich war auch mal Fisch in einem baptistischen Fischteich, zu einer Zeit, als ich meine "erste Fundi-Phase" schon hinter mir hatte. Es handelte sich um eine Volleyballgruppe. Mit ein paar Leuten aus dieser Gruppe habe ich mit 18 Jahren Wanderurlaub in Schweden gemacht. Es war eine der spannendsten Urlaubsreisen meines Lebens, aber in religiöser Hinsicht hat sie mich nicht viel weitergebracht. Eher im Gegenteil, könnte man sagen - aber auch hier will ich nicht ins Detail gehen.

Ich will dennoch keineswegs behaupten, dass "niederschwellige Kontaktangebote" der inhaltlich eher anspruchslosen Art grundsätzlich schlecht oder unnütz wären. Beim "Mittwochsklub" machen wir sowas ja durchaus auch. Man muss sich jedoch darüber im Klaren sein, wozu man das macht - wo man damit hinwill. Damit solche Veranstaltungen eine sinnvolle Funktion im Interesse von Mission bzw. Neuevangelisierung erfüllen, sind zwei Dinge notwendig. Der erste Schritt muss sein, die Leute, die sich womöglich "zufällig" da "hinverirren", wirklich willkommen zu heißen und einzubinden; der zweite, sie dann auch zu Veranstaltungen einzuladen, in denen es mehr um Inhaltliches geht. Oder, allgemeiner ausgedrückt: Man muss solche eher unverbindlichen Erstkontakte als Gelegenheiten nutzen, Zeugnis zu geben. (Womit ich nicht zwingend einen Vortrag meine.)

Übrigens verweist das oben angesprochene - in meinen Augen falsche - Verständnis des Begriffs "niederschwellig" im Sinne von "Man darf die Leute nicht überfordern" auf ein meiner Meinung nach gravierendes Problem: Wer so denkt, kommt offenbar gar nicht auf die Idee, dass ein starkes und entschiedenes Bekenntnis zum Glauben für Außenstehende attraktiv sein könnte. Zugegeben: Es gibt Ausdrucksformen von Frömmigkeit, von denen auch ich mir vorstellen kann, dass sie auf Menschen, die zwar irgendwie auf der Suche nach Sinn und Orientierung sind, dem Gesamtbereich "Religion" und speziell dem christlichen Glauben aber noch unentschieden gegenüberstehen, eher abschreckend wirken können. Da gilt es Augenmaß zu wahren und eine gewisse Sensibilität dafür aufzubringen, was der konkrete Mensch, mit dem man es gerade zu tun hat, sucht und braucht und auf was für einem Streckenabschnitt seiner persönlichen spirituellen Suche er sich gerade befindet. Der durch Abnutzung recht grässlich tönende pastorale Grundsatz "Man muss die Leute da abholen, wo sie stehen" hat da, richtig verstanden, durchaus seinen Sinn. Problematisch wird es, wenn man selbst gar keine Vision davon hat, wo man die Leute von diesem Punkt aus hinführen will. Mit einer lauen "Ich bin okay, du bist okay"-Pastoral spricht man jedenfalls ganz logischerweise nur die Lauen an - und, was noch gravierender ist: Man belässt sie in ihrer Lauheit.

Und was wird aus den Leuten, die alles Andere als lau sind? Die das "gott-förmige Loch" in sich als ein inneres Brennen empfinden? Die werden nach einer Glaubenserfahrung suchen, die groß genug ist, um dieses Loch zu füllen. Wenn sie die bei uns nicht finden, werden sie eher zu den Freikirchen gehen.

Ich jedenfalls mag mich damit nicht zufrieden geben.



Kommentare:

  1. Wenn wir "die Leute da abholen wollen, wo sie stehen", gehört zwingend dazu, daß wir genau hingucken, wo sie stehen. Da könnten "wir" dann eventuell merken, daß "die Leute" an einem geistigen Ort stehen, der von Klugheit, Toleranz, Bildungsbeflissenheit und brennender Sehnsucht geprägt ist - alles Dinge, die "wir" gut brauchen können.

    Deine Interpretation des Wortes "niederschwellig" gefällt mir sehr. Ich sehe das auch so: Die Schwelle grenzt ab, weil zwischen verschiedenen Auffassungen und erst recht zwischen Welt und Kirche eine Grenze ist und sein muss - aber sie schottet nicht ab, man kann sie überschreiten.

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  2. 1) Ehrlich gesagt, ich kann mit der weitverbreiteten Abneigung gegen "Volkskirche" nicht viel anfangen. Gerade wenn die Kirche Volkskirche ist (ich weiß nicht, ob man z. B. in meinem Heimatland Bayern noch teilweise davon sprechen kann oder eher nicht mehr, aber sicherlich noch mehr als in Berlin), ist der Zugang niederschwellig. Die Leute haben schon eine grundsätzliche Ahnung davon, worum es bei der Kirche so geht, dass man in der Beichte ganz anonym und vertraulich mit einem Priester sprechen kann, wenn man von Schuld belastet ist, dass man in der Kirche Kerzen für Verstorbene anzünden kann, wenn man trauert, usw., sprich, sie landen vielleicht auch eher bei der Kirche, wenn sie anfangen, sich für Religion zu interessieren und vielleicht seltener, sagen wir mal, bei irgendwas Fernöstlichem oder der nächsten Pfingstlerkirche, weil sie die Kirche schon eher kennen. Auch in den früheren Zeiten der Volkskirche rechnete man durchaus damit, dass es Leute geben wird, die sich (obwohl sie sie kennen, obwohl sie vielleicht nicht vordergründig intellektuelle Schwierigkeiten mit der Glaubenslehre haben, und obwohl sie vielleicht nicht einmal öffentlich austreten), von der Kirche abwenden und vielleicht dann später wieder zu ihr zurückfinden oder von ihr erreicht werden können.
    Volkskirche ist gut. Und auch die Pfarrstruktur ist an sich gut. Vielleicht sind z. B. geistliche Bewegungen oder Orden wirklich tendenziell missionarischer, aber dafür sind sie ja auch da, das ist ihr spezieller Auftrag; die Pfarrgemeinde ist erstmal die Einheit aller Katholiken vor Ort, die im Alltag ihren Glauben leben. Und die sind eben auch nicht durch eine Vorliebe für eine bestimmte Art der Spiritualität, sondern durch Zufall zusammengewürfelt, und das ist ein großer Vorteil der Pfarrei - sie ist in diesem Sinne weniger spirituelle Filterblase als eine geistliche Bewegung. (Wobei die geistlichen Bewegungen umgekehrt natürlich wieder den Vorteil haben, dass Leute aus verschiedenen Orten dazu gehören, also die "lokale Filterblase" eher verschwindet.) Jedenfalls, was ich damit auch noch sagen will: Auch in einer evangelikalen Gemeinde, in der jeder aus Überzeugung dabei ist, oder in einer geistlichen Bewegung, o. Ä. kann es zur Bildung von abgeschlossenen Zirkeln kommen.

    Das Problem, wenn Pfarreien nicht missionarisch sind, ist nicht, dass sie Pfarreien sind, sondern dass Mission bei ihren Mitgliedern irgendwie als iih-bah gilt und man ja nicht anderen Menschen noch einen Glauben aufdrängen, oder gar noch so tun wollte, als hätte man alle Antworten...

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  3. 2) Okay, das musste ich mal loswerden, weil man in der Blogoezese so oft eine gewisse Abneigung gegenüber Volkskirche und Pfarrei im Allgemeinen mitkriegt und geistliche (z. B. charismatische) Bewegungen o. Ä. als *das* Zukunftsmodell gelten. Aber im Artikel wurde ja nicht eigentlich gesagt, dass Pfarreien grundsätzlich *an sich* schlecht sind, jetzt also daher noch mehr zu seinem eigentlichen Thema:

    Selbstverständlich können auch Pfarreien missionarisch sein! Wie gesagt, dann, wenn sie "Mission" als etwas Gutes sehen. Sie bieten erstmal natürlich den Ansprechpartner vor Ort, der auch, jedenfalls dort, wo wir nicht allgemein als Kinderfickersekte gelten, noch eine gewisse Autorität hat (gerade auf dem Land der Dorfpfarrer). Und dann gibt es natürlich solche Sachen wie Nightfever, die jede Pfarrei durchführen kann; Nightfever eben findet auch in meiner Pfarrei immer mal wieder statt. (Müsste man in jeder Pfarrei machen!) In meiner Pfarrei gab es auch mal den Alphakurs, es gibt andere Glaubenskurse, einen Bibelkreis für Jugendliche, o. Ä. Natürlich müsste man oft noch viel missionarischer sein, als man es ist - man könnte z. B. auch mal einen Tag der offenen Tür anbieten, wo man in Pfarrheim und Pfarrkirche den Katholizismus und die Kirche vorstellt und die Leute herumführt, so, wie es in meinem Ort die Moschee manchmal macht, oder ein Angebot wie "Frag einen Priester", wo Priester (oder andere Seelsorger) auf dem Marktplatz vor der Kirche für Fragen zur Verfügung stehen könnten, oder eben, wie Sie schreiben, Angebote zu Ausflügen oder gemeinsamem Essen und ähnlichen Dingen, wo das Christliche nicht im Vordergrund steht, aber eben auch nicht versteckt wird. Da könnte einem sicher sehr viel einfallen. In meiner Pfarrei gab es z. B. auch mal einen "Ehekurs", den meine Eltern besucht haben (auch nicht verheiratete und teilweise eher kirchenferne Paare waren dort, aber es hieß "Ehekurs"), der von der Struktur und der Anzahl der Abende so ähnlich aufgebaut war wie der Alphakurs, und wo es hauptsächlich darum ging, wie man eine gute Beziehung aufbaut oder bewahrt, aber alles gleichzeitig ungeniert aus dem Blick des christlichen Glaubens und schon mit einem gewissen spezifisch christlichem Einschlag. Man könnte z. B. auch solche Dinge wie Theatergruppen in der Pfarrei gründen und dann allgemein zu Aufführungen einladen, oder Wallfahrten nach Santiago de Compostela (käme derzeit sicher gut an) organisieren. Und dann muss man eben auch darüber informieren (in der Lokalzeitung, mit Flyern, auf Facebook, usw. - die Informationen an die Leute zu bringen, das ist vielleicht manchmal eher das Problem als die Organisation an sich, glaube ich); und und und...

    Ansonsten: sehr schöner Artikel! Niederschwellige Angebote im richtigen Sinne sind sehr wichtig.

    Lg, Crescentia

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  4. Wie wahrscheinlich jeder erraten hätte, wenn es ihn seltsamerweise interessieren würde...

    stimme ich Crescentia Großteils zu.

    Ich würde nur von den Pfarrtheatern nicht zu viel erwarten. Die gibt es und sind ein großer Spaß, aber in der Regel ein ziemlich "niederschwelliges Angebot", kulturell jetzt ausnahmsweise (so irgendwo zwischen vergnüglichem Bayerntheater und schamgefühlauslösendem Kitschtheater), wobei vom Glauben natürlich auch nicht die Rede ist (außer in dem Sinn, daß natürlich alles im Leben mit dem Glauben zu tun hat); vom Mittelstufentheater des Gymnasiums kann man anspruchsvollere Stücke erwarten. Ansonsten: Man kennt sich, man trifft sich und den Kindern gefällts besonders.

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    1. Bauerntheater wollt ich sagen. Kleiner Freudscher.

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    2. Man KÖNNTE es aber auch anders machen. Pfarrtheater müsste ja nicht gleich improvisiertes Chiemgauer Volkstheater sein. Im Idealfall. - Crescentia.

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  5. Und natürlich: Nightfever mag in jeder Stadt und jeder Landpfarrei sinnvoll sein, von den einzelnen Pfarreien größerer Städte braucht dann aber auch nicht jede eins...

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  6. Diasporakatholik27. April 2017 um 17:13

    Hm, von Pfarreiangeboten meiner kath. Ortsgemeinde bzw. der Nachbarstadt (beides Kleinstädte in einer Metropolregion der norddeutschen Diaspora) halten meine Frau und ich wenig bis gar nichts aufgrund eigener negativer Erfahrungen:

    Man genügt sich selbst, will unter sich sein; Neue werden zunächst interessiert beäugt und ausgeholt und dann, wenn die erste Neugier befriedigt ist, links liegen gelassen und sich selbst überlassen.

    War uns beiden unabhängig voneinander "zu blöd" - da bleibt man schnell weg.
    Biblisch fundierter Klartext über Gott und Glaube findet auch nicht statt. Und wenn ja, dann das Problem der einander mit Misstrauen und Unverständnis begegnenden innerkirchlichen Lager: liberale und konservative Katholiken.

    Alles natürlich subjektive Wahrnehmungen, die keinen Anspruch auf Repräsentativität erheben.

    Gelegentlich treffe ich in der Fußgängerzone unseres Städtchens einen aktiven evangelischen Christen, mit dem ich im wahrsten Sinne des Wortes über Gott und die Welt ganz unbefangen und offen und stets äußerst angeregt in gegenseitigem Respekt sprechen kann.
    Außer meiner Frau eigentlich der einzige Laie - inkl. Familienmitglieder -, mit dem das möglich ist.
    Sonst sind das nur Kleriker oder eben kath. Blogs od. Portale im Internet.
    So isses.
    Die meisten Menschen meiner persönlichen Umgebung sind zwar höflich aber glaubensmäßig offenbar wenig interessiert.

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  7. Ein Problem, dass Ihr möglicherweise habt, ist die Größe der Gemeinde und unpersönliche Atmosphäre im Gottesdienst.
    Ich gehe zur Quäkerandacht, und unsere Quäkergemeinde ist wirklich klein. Wir saßen schon zu dritt in der Andacht, mehr als 20 sind wir fast nie. Es mag an der Natur der Andacht liegen, dass sich sehr schnell eine intime, persönliche Atmosphäre ergibt, aber ich glaube, die kleine Gruppe tut ihr Übriges. Man hat sehr schnell eine persönliche Basis mit den anderen, da sitzt man nicht in einer vollen Kirchenbank, in der man alleine unter Fremden ist, die man auch nie näher kennenlernt. In meiner katholischen Herkunftsgemeinde, blieb man nach dem Gottesdienst schlicht unter sich, die Grüppchen wechselten jahrelang nicht. Dass da jemand neu dazukommt und guten Kontakt findet, kann ich mir kaum vorstellen; nochdazu, weil ja viele Gemeinden übel überaltert sind und ausgetretene Pfade deshalb nicht gerne verlassen werden. Das Kernstück der Kirche ist aber doch der Gottesdienst, da werde ich als Suchender in erster Linie hingehen; nicht irgendwelche Gemeindekreise, wo, wie ja schon gesagt wurde, die üblichen Verdächtigen erst recht wieder unter sich bleiben. Ein interessantes Beispiel finde ich Nadja Bolz-Webers Lutheraner-Gemeinde in den USA. Obwohl das eine schnell wachsende Gemeinde zu sein scheint, schafft sie es anscheinend, eben nicht unpersönlich zu werden.

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